2024 war das Jahr der Baustellen. Auf das Stalldach kam die Solaranlage, und unter einer Weide kam eine Holzleitung aus dem 19. Jahrhundert zum Vorschein — die Erklärung dafür, warum auf dem Halterhus eine Nacht lang alle krank waren.
Dazwischen: veredelte Haselnüsse, ein Weizenfeld voller Phacelia und ein Abendessen, das aus den Stücken bestand, die sonst niemand will.
Februar 2024
Im Winter ist es ruhiger als in der Vegetationszeit. Ich nutze die Zeit für Büroarbeit, bereite Holz für die Heizung vor, schneide die Obstbäume und repariere, was an Gebäuden und Maschinen liegengeblieben ist.
Ruhig heisst nicht wenig. Das Ende des Winters kommt regelmässig zu früh, und längst nicht alles, was ich mir vorgenommen habe, ist dann fertig.
Dazu kommen die Kurse, die ich für EDAPRO an verschiedenen Orten gebe: Komposttee, Bodenfruchtbarkeit, Blattsaftanalysen. Das macht den Winter abwechslungsreich.
Februar 2024
In diesem Winter sind viele Landwirte, vor allem in Deutschland und Frankreich, mit ihren Traktoren auf die Strasse gefahren. Nicht aus Spass, sondern wegen einer Entwicklung, die so nicht weitergehen kann.
Über die Jahre sind die Preise bei den Landwirten kaum gestiegen, die Preise für die Konsumenten dagegen laufend. Dazwischen sind die Margen der Verarbeiter und Grosshändler gewachsen.
Ein Grund ist, dass immer mehr verarbeitete Produkte gekauft werden. Der ganze Anstieg erklärt sich damit aber nicht. Eine viel grössere Rolle spielt, wie viel Werbung die Grossverteiler machen. Erstaunlich eigentlich: für Lebensmittel, die ohnehin gegessen werden.
Betriebswirtschaftlich scheint sich das für sie zu lohnen. Am Ende fehlt der Landwirtschaft aber das Geld, um sich an den Klimawandel anzupassen und die wachsenden Umweltauflagen zu erfüllen.
Trotzdem sehe ich positiv in die Zukunft. Ich kann 150 Kilo Saatgut pro Hektare investieren und das Dreissigfache davon ernten. Eine Rendite von 3000 Prozent.
April 2024
Die Unterlage, also Wurzel und Stamm bis etwa 80 bis 120 Zentimeter, ist die Türkische Baumhasel. Sie bildet keine Stockausschläge und wächst nicht zum Strauch, sondern zu einem schönen Stamm. Das macht Ernte und Pflege später einfacher.
Gezogen wurden die Bäume aus Saatgut, damit sie mit dem Burgunder Trüffel eine Symbiose eingehen. Dadurch haben sie aber keine gute Nusssorte: Die Nüsse werden meist von anderen Haselsorten bestäubt, die Nuss bekommt eine neue Genetik und verliert die Eigenschaften der Sorte. Bei Äpfeln und Zwetschgen ist es dasselbe.
Die Edelreiser stammen jetzt von der Europäischen Strauchhasel. Den Unterschied sieht man an der Rinde: Die Baumhasel hat eine schuppige, die Strauchhasel eine glatte.
Geschnitten habe ich die Edelreiser schon im Dezember, in der Winterruhe, bei der älteren Haselnussanlage von Andreas Gauch im Aargau. Bis zur Veredelung lagen sie im Kühlschrank, damit sie nicht austrocknen.
Am 5. April, an einem der ersten schönen Tage, ging es los — zusammen mit einem erfahrenen Baumschulisten, der das Veredeln von Haselnüssen bei Andreas Gauch gelernt hat.
Das nasse, kühle Wetter war diesmal ein Vorteil. Nur der späte Schnee machte mir Sorgen. Das Thermometer fiel aber nicht unter minus zwei Grad, und alle Veredelungen sind angewachsen.
Juni 2024
Die violett blühenden Blumen im Weizen sind Phacelia. Normalerweise wird sie nach der Getreideernte als Gründüngung gesät. Sie eignet sich aber auch als Untersaat oder, wie hier, als Beisaat im Getreide, ähnlich wie der Inkarnatklee.
Der Vorteil: Nektarliebende Insekten finden auch in dieser Zeit ein Blühangebot. Und mit ihren feinen Blättern und dem geringen Nährstoffbedarf macht die Phacelia dem Weizen kaum Konkurrenz. Im Gegenteil, der Boden wird besser durchwurzelt, und die Pflanzen unterstützen sich bei der Nährstoffaufnahme: Phacelia mobilisiert Phosphor, der Inkarnatklee fixiert Stickstoff.
Das feine Saatkorn lässt sich beim Dreschen problemlos vom Weizen trennen. Vieles fällt dabei auf den Boden, dadurch braucht die anschliessende Gründüngung weniger Saatgut. Und weil die Phacelia nicht erst im Herbst gesät wird, erfriert sie im Winter und ist später kein Problem.
Auf diesem Feld habe ich im Herbst davor, kurz vor der Hochzeit, allerdings einen zu motivierten Rechenschritt gemacht. Die Saatdichte war zehnmal höher als geplant. Auf dem zweiten Feld stimmte sie.
Unterstützt wurde der Versuch von BienenSchweiz, die sich mit ihrer Plattform immobienen.ch für mehr Wohnraum für Bienen einsetzen. Die Luzerner Zeitung hat darüber berichtet.
August 2024
Die Strompreise sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Die grössten Verbraucher auf dem Betrieb sind die Heubelüftung und die Güllepumpen.
Die Heubelüftung saugt warme Luft unter dem Scheunendach an und läuft nur, wenn die Sonne scheint und die Luft trocken ist. Genau dann liefert die Solaranlage Strom. Das passt zusammen. Auch Gülle mixen und pumpen lässt sich auf sonnige Tage legen.
So kommt künftig ein grosser Teil des Stroms für die Mutterkühe vom eigenen Dach. Der Rest geht an die drei Haushalte, wo eine Steuerung zum Beispiel den Boiler einschaltet, sobald genug Strom da ist.
August 2024
Das zweite Infrastrukturprojekt kam unangemeldet. Als auf dem Halterhus eine Nacht lang alle mit einer Magen-Darm-Infektion auf der Toilette sassen, lag der Verdacht beim Wasser. Die Laboranalyse bestätigte ihn: eine hohe Keimzahl an E. coli und Enterokokken.
Verschmutztes Trinkwasser war hier nie ein Thema gewesen. Die Quelle liefert seit über 150 Jahren zuverlässig Wasser, und wo genau die Quellfassung liegt, wusste niemand mehr.
Also legten wir die Leitung dem Zufluss zum Reservoir entlang frei. Die ersten Meter: Eisen. Danach, von einem versteckten Schacht aus: Beton. Nach der Strasse fanden wir keine Leitung mehr, sondern Steine über einer halben Holzleitung, in knapp fünf Metern Tiefe.
Holzleitungen werden seit langem nicht mehr gebaut. Damals musste der Graben von Hand geöffnet und jedes Holzstück mit einem Gefälle von ein bis zwei Prozent genau gesetzt werden.
Die Leitung lag unter einer Weide und war von oben nicht mehr dicht. Oberflächenwasser dürfte so hineingelangt sein.
Oktober 2024
Sin Mei habe ich über eine Kollegin von Ada kennengelernt. Spannend war zu hören, wie anders in China gegessen wird — und wie verrückt es ist, dass wir hier wertvolle Fleischstücke wegwerfen. In der chinesischen Küche haben Innereien denselben Rang wie bei uns Filet oder Entrecôte. Zu Recht: Sie sind reich an Nährstoffen.
Am 27. Oktober kochte sie im Halterhus ein Abendessen aus genau diesen Stücken, nach traditionellen chinesischen Rezepten, mit frischen lokalen Zutaten.
Am Anfang war bei einigen Gästen noch Skepsis da. Mit jedem Gang wurde sie kleiner und die Neugier grösser, was als Nächstes kommt. Am Schluss war alles aufgegessen.