2021 war das Jahr, in dem der Hagel kam. Tennisballgrosse Steine, in wenigen Minuten Löcher in allen Dächern.
Dazwischen: die ersten Rinder auf der Alp, ein Schwalbenschwanz im Weizenfeld und eine Bilanz dessen, was im Jahr davor für die Biodiversität gepflanzt wurde.
Januar 2021
Seit etwas mehr als einem Jahr steht die Aubrac-Herde auf dem Hof. Als die Entscheidung für eine Mutterkuhrasse näher rückte, stiess ich auf ein Bild einer Aubrac. Die Augen und die Hörner haben mich beeindruckt. Nach einer intensiven Recherche über die Rasseneigenschaften war die Sache klar.
Wie es der Zufall wollte, suchte die Familie Iten aus Safenwil Ende 2019 ein neues Zuhause für ihre Aubrac-Herde. Die Anzahl Tiere passte genau in meinen Stall.
Wir sind froh um diese Kühe und schätzen das zarte, geschmackvolle Fleisch. Lieber weniger Fleisch essen, dafür welches aus artgerechter Haltung und ökologisch sinnvoller Produktion.
Januar 2021
Die Erwärmung geht weiter. 2020 war mit 1.07 Grad wieder eines der wärmsten Jahre seit Messbeginn. Längere Trockenperioden, gefolgt von starken Niederschlägen, werden zunehmen, und fast jährlich kommen neue Insekten dazu, die in einer monokulturbetonten Landwirtschaft grossen Schaden anrichten.
Die Antwort darauf heisst Biodiversität erhalten und Bäume pflanzen. Bäume wirken mit ihrem Wurzelwerk wie ein Schwamm, kühlen an Hitzetagen, speichern CO2 und helfen beim Humusaufbau.
Auf dem Halterhus sind 2020 entstanden: 240 Meter Hecke aufgewertet, 170 Meter Waldrand abgestuft, 0.4 Hektaren artenreiche Blumenwiese angesät.
Gepflanzt wurden 18 Apfel-, 3 Birnen- und 6 Zwetschgen-Hochstämme, dazu 9 Eichen, 2 Erlen, 12 Linden, 40 Rotbuchen, 20 Waldkiefern, 6 Edelkastanien, 270 Baumhaseln und 60 Hainbuchen.
Ein weiteres Ziel sind Bäume als Futter für die Kühe. Blätter liefern Mineralstoffe und Rohfaser und spenden an heissen Tagen Schatten. Studien deuten darauf hin, dass sich damit der Methanausstoss senken lässt.
April 2021
Der richtige Umgang mit dem eigenen Hofdünger ist für mich eine Herausforderung, und es gibt nur wenige Versuche dazu.
Fest steht: Flüssige Gülle hat zu viel frei verfügbaren Stickstoff und zu wenig Kohlenstoff. Das C/N-Verhältnis ist zu eng. Mit Pflanzenkohle, einer sehr stabilen Form von Kohlenstoff, lässt sich das Verhältnis weiten. Diese Pflanzenkohle möchte ich künftig vermehrt selbst herstellen, aus Ästen der Haselnussplantage und des Obstgartens.
Auf dem Halterhus stehen wenig Tiere pro Hektare. Darum kann ich die Gülle immer auf begrünte Flächen ausbringen, die den Stickstoff gut aufnehmen.
In der intensiven Tierhaltung ist Gülle fast ein lästiges Abfallprodukt statt wertvoller Hofdünger. Daher die bekannten Umweltprobleme. Zu viel frei verfügbarer Stickstoff baut Humus ab und macht Pflanzen krankheitsanfällig. Der Begriff «Nährstoffüberschuss» ist trotzdem falsch: Humusaufbau und gute Erträge brauchen viele Nährstoffe — aber in der richtigen Form.
April 2021
Komposttee ist eine günstige und wirksame Art, den Boden mit den Mikroorganismen zu beimpfen, die es für gesundes Pflanzenwachstum und Humusaufbau braucht. Auf meinen Feldern bringe ich ihn mit einer alten Feldspritze aus.
Als Biobauer mit der Feldspritze unterwegs zu sein, bleibt ein komisches Gefühl. Schön daran ist: Ich muss mir weder über Umweltverschmutzung noch über Rückstände Sorgen machen. Den Komposttee kann ich auch trinken.
Blattspritzungen geben der Pflanze Vitamine und Enzyme. Die Pflanze gibt im Gegenzug über die Wurzeln Zucker an die Bodenmikroorganismen ab. Mit diesen Wurzelexudaten zieht sie nützliche Mikroorganismen an und füttert sie. Das führt zu mehr Wurzelwachstum, dadurch zu besserer Aufnahme von Spurenelementen, und mit mehr Spurenelementen funktioniert das Immunsystem der Pflanze besser.
Pflanzenschutzmittel bekämpfen nur Symptome und arbeiten gegen diese Prozesse. Sie müssen jedes Jahr neu ausgebracht werden. Mit der Biologie zu arbeiten hilft Boden und Pflanze langfristig.
28. Juni 2021
Das Leben auf dem Bauernhof ist nicht nur blumig. Das Gewitter vom Montag, 28. Juni, brachte Hagelsteine in einer Grösse, die wir noch nie erlebt haben. Die tennisballgrossen Eisbrocken fielen vom Himmel wie Geschosse, mit unglaublicher Zerstörungskraft.
In wenigen Minuten hatten alle Gebäudedächer massiven Schaden. Im alten Bauernhaus tropfte es bis in den ersten Stock hinunter, die Maschinenhalle war durchlöchert wie ein Emmentaler, und die Ackerbohnen hatten alle ihren Kopf verloren.
Sofort nach dem Gewitter haben wir begonnen, in Eigenleistung Ziegel um Ziegel zu ersetzen, damit nicht zu viel Wasser ins Haus eindringt — bis die Dunkelheit uns zum Aufgeben zwang. Müde und unter Schock suchten wir die Ablenkung im EM-Spiel Schweiz gegen Frankreich. Die zweite Halbzeit war wohl eines der aufregendsten Fussballspiele, die ich je gesehen habe. Ein Abend, den ich nicht so schnell vergesse.
Danach: die grosse Scheune und die Werkstatt provisorisch mit Plastik abgedeckt, neue Ersatzziegel für die beiden Wohnhäuser und den Spycher, im alten Wohnhaus lief der Entfeuchter auf Hochtouren. Fast jede Eternitplatte beim Laufstall und in der Maschinenhalle hatte ein Loch und musste ersetzt werden.
Juli 2021
Zum ersten Mal habe ich vier meiner Rinder für den Sommer auf die Alp gegeben. Cersei, Melisandre, Ellaria und Felicitas verbringen die nächsten Monate auf der wunderschön gelegenen Alp Baberg im Isenthal, Kanton Uri.
Ich möchte meine Rinder nicht zu früh decken und kann sie darum nicht mit dem Muni in der Mutterkuhherde halten. Eine zu frühe Geburt führt zu mehr Komplikationen und kann sich negativ auf die Langlebigkeit auswirken.
Die Alp Baberg ist nur zu Fuss über einen steilen Aufstieg zu erreichen. Der Alpaufzug mit den Kühen war für unsere ganze Familie ein besonderes Erlebnis — als «Flachlandbauern» haben wir noch nie eine so anspruchsvolle Wanderung zusammen mit den Kühen unternommen.
Auf den Alpwiesen finden die Rinder ideales Futter und viel Bewegung, damit sie mit guter Kondition in das Leben als Mutterkuh starten.
Juli 2021
Ein wichtiges Anliegen ist mir, Lebensmittelproduktion und Artenvielfalt zu vereinen — nicht gegeneinander auszuspielen.
Die im Jahr davor angesäte Blumenwiese ist ein Traum für viele Insekten und liefert mit dem fast 1.8 Meter hoch wachsenden Fromental grosse Mengen strukturreiches Futter für die Mutterkühe. Das ergänzt sich gut mit dem wenig strukturreichen Gras im Herbst.
Auch im Weizenfeld konnte ich einen der schönsten Schmetterlinge der Schweiz beobachten: den Schwalbenschwanz.
Die Haselnussplantage ist ein weiterer neuer, vielfältiger Lebensraum, der auf dem Halterhus entstanden ist. Die Entwicklung der Vegetation dort zu beobachten, ist sehr spannend. Die Bäume wachsen gut an und sind mit dem Baumschutz in ihrer Jugendentwicklung noch ideal geschützt.
19. September 2021
Ein Tag, um einen vertieften Einblick in unsere Tätigkeiten zu geben — von der Führung durch die Haselnussplantage bis zum Bodenleben unter dem Mikroskop.
Das Programm:
10:00–11:00 Eintreffen zum Apéro mit Köstlichkeiten vom Halterhus
11:00–12:00 Besichtigung der Aubrac-Mutterkühe
12:00–14:00 Gastwirtschaft: Mittagessen mit Hamburger vom Halterhus (auch vegan)
14:00–14:50 Rundgang in den Agroforst-Anlagen (Haselnussplantage und Obstgarten)
15:00–15:50 Kennst du unsere lokale Flora? Rundgang entlang der Hecken und Blumenwiesen mit Pflanzenbestimmung
16:00–17:00 Vorstellung der EDAPRO GmbH, Schwerpunkt Komposttee-Herstellung
17:00–18:00 Bring deinen Kompost oder Boden mit — wir schauen ihn unter dem Mikroskop an und prüfen die mikrobielle Diversität
Im gleichen Herbst kamen zwei neue Produkte dazu: Trockenwürste und Trockenfleisch von einer alten Aubrac-Mutterkuh, mit Salz, Kräutern und Gewürzen veredelt und über mehrere Wochen luftgetrocknet. Dazu wieder Haselnusspesto und Essiggurken — Gurken und Basilikum standen im Folientunnel und waren vor dem Hagel geschützt. Die grossen Hagelsteine haben zwar die Plastikfolie durchlöchert, den Pflanzen aber nichts angetan.
November 2021
Hochstammbäume haben im Kanton Luzern eine lange Tradition. Sie prägen das Landschaftsbild und tragen wesentlich zur Biodiversität bei. Auf dem Halterhus pflegen wir 16 Hochstamm-Kirschbäume und ebenso viele verschiedene Sorten Zwetschgenbäume.
Die jährlich stark schwankenden Erträge und die hohen Qualitätsansprüche des Handels erlauben es uns kaum, die frischen Früchte zu verkaufen. Einen kleinen Teil trocknen wir, den Rest lassen wir von einer nahe gelegenen Brennerei veredeln — daraus wurde der Buureschnaps vom Halterhus.
November 2021 — Forschungsstand, wie wir ihn im Newsletter vom 22. November 2021 zusammengefasst haben
Der Darm und die Milliarden Mikroorganismen in ihm steuern viele lebensnotwendige Prozesse: Nahrung wird zerlegt und aufgenommen, Energie bereitgestellt, Wasser- und Salzgehalt reguliert, Vitamine und Hormone produziert. Rund 80 Prozent aller Immunzellen des Körpers befinden sich hier, dazu 100 Millionen Nervenzellen. 90 Prozent des Serotonins werden im Darm gebildet — nicht umsonst sprechen wir vom Bauchhirn. Über die Darm-Hirn-Achse ist der Darm direkt mit dem Gehirn verbunden.
Die Forschung entdeckt laufend neue Wechselwirkungen zwischen Mensch und Darm-Ökosystem. Zusammenhänge werden beschrieben mit Darmbeschwerden und chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Allergien, mit Stoffwechselerkrankungen — und mit dem psychischen Wohlbefinden. Das sind Forschungsergebnisse und Hypothesen, keine abgeschlossene Lehrmeinung.
Für uns als Hof interessant ist die Verbindung zum Boden: Viele Mikroorganismen, die im Darm vorkommen, kommen auch im Boden vor. Der Boden ist das grösste Reservoir mikrobieller Vielfalt. Über die Nahrung nehmen wir Mikroorganismen auf, die im Darm wiederum beim Verdauen helfen — kleine Erdreste an Kartoffeln oder Karotten tragen zum Beispiel Bakterien, die Gluten verdauen. Das Aufkommen von Glutenunverträglichkeit geht einher mit der Verarmung der mikrobiellen Vielfalt der Darmflora.
Deshalb hört unsere Arbeit am Boden nicht beim Ertrag auf. Ein lebendiger Boden ist der Anfang einer Kette, die bis auf den Teller reicht.
Grafik: Birgit Wassermann, Henry Müller und Gabriele Berg, veröffentlicht von der IG Gesunder Boden (lg-gesunder-boden.de)