2022 war das Jahr, in dem die Umstellung auf Bio abgeschlossen war — und in dem die Dünger- und Energiepreise zeigten, wie abhängig die Landwirtschaft von Importen ist.
Dazwischen: ein blau, gelb und rot blühendes Weizenfeld, ein Fest auf dem Hof und 130 Bäume im Personenwagen.
April 2022
Die Dünger- und Futtermittelpreise gehen durch die Decke. Auf den globalen Agrarmärkten zeigen sich grosse Abhängigkeiten: Unsere Lebensmittelversorgung hängt direkt an der Gasversorgung, weil Stickstoffdünger daraus gemacht wird. Und beim Kalium, dem zweitwichtigsten Nährstoff, kommt ein Fünftel der Weltproduktion aus Weissrussland.
Auf dem Halterhus läuft das anders. Die Kuh verwertet das Gras vom eigenen Hof und konzentriert Stickstoff und Kalium im Kot. Die Gülle düngt im Frühling die zwei Hektaren Brotweizen und die drei Hektaren Speisehafer. Es bleibt sogar genug für Weiden, Heuwiesen und Obstgärten.
Dass dabei auch noch Fleisch entsteht, ist wohl der Grund, warum die Kuh eines der ersten Haustiere des Menschen war. Sie sorgt für Ernährungssicherheit und für fruchtbare Böden.
Entscheidend ist dabei eines: Es wird nur hofeigenes Futter verwendet. Sonst fallen zu viele Nährstoffe an, und die schaden der Umwelt und der Bodenfruchtbarkeit.
April 2022
Zwei Jahre dauert die Umstellung. Jetzt sind die Lebensmittel vom Halterhus offiziell Bio-Suisse-Knospe-zertifiziert.
Im Biolandbau ist künstlich hergestellter Stickstoffdünger verboten, chemisch-synthetische Pestizide ebenso. Die Schweizer Bio-Pioniere haben in den letzten vierzig Jahren gezeigt, dass das geht — gegen die Meinung vieler Agrarexperten. Die Böden sind nicht ausgelaugt, und in der Bilanz von Energieeinsatz zu Lebensmittelertrag schneidet Bio besser ab.
Trotzdem braucht Bio mehr Fläche, um gleich viele Menschen zu ernähren. Darum ist es ein grosses Ziel, den Bioackerbau zu intensivieren, ohne die Umwelt zusätzlich zu belasten. Genau daran arbeite ich hier: Mit Methoden aus der regenerativen Landwirtschaft Humus aufbauen und so die Ertragssicherheit steigern. Mehr Humus heisst mehr Widerstandsfähigkeit gegenüber der Klimaerwärmung.
Mit den Analysen von NovaCropControl bestimme ich in den Ackerkulturen, welche der fünfzehn wichtigsten Nährstoffe der Pflanze fehlen, damit sie die volle Photosyntheseleistung bringt. Zusammen mit Komposttee ist das der Weg zu Humusaufbau und Ertrag.
Darum sieht man auf dem Halterhus ab und zu die Feldspritze. Das ist keine Agrarchemie, sondern Komposttee, auf dem Hof hergestellt.
Juni 2022
Das war auch für mich eine Überraschung. Im Herbst davor hatte ich dem Weizensaatgut direkt eine Untersaat beigemischt, «Carbon Fix», entwickelt für die regenerative Landwirtschaft, um mehr Kohlenstoff im Boden zu speichern.
Der Weizen reift im Hochsommer, wenn die Tage am längsten sind. Er wird braun und macht keine Photosynthese mehr — die Solarzellen werden in der besten Jahreszeit abgestellt. Für den Boden heisst das: keine Wurzelexudate mehr. Das sind Zuckerstoffe, die die Pflanze aus Sonnenlicht, CO2 und Nährstoffen herstellt, um die Mikroorganismen im Boden zu füttern.
Die Untersaat überbrückt diese Zeit. Sie bildet eine grüne Matte unter dem Weizen und fängt erst richtig an zu wachsen, wenn der Weizen braun wird und mehr Licht auf den Boden fällt.
Überrascht hat mich die blühende Komponente: gelber Leindotter, blaue Phacelia, roter Inkarnatklee. Vor allem die Phacelia setzt wunderschöne Blautupfer ins Weizenfeld und zieht Bienen und nektarliebende Insekten an. Sie durchwurzelt den Boden gut und gilt als Phosphorlieferant.
Unsere Böden haben genug Phosphorreserven, nur nicht in einer Form, die die Pflanze direkt aufnehmen kann. Dafür braucht es die Mikrobiologie, die mit ihren Enzymen Nährstoffe aus dem mineralischen Teil des Bodens löst.
Für mich ist das einer der wichtigsten Pfeiler einer nachhaltigen Landwirtschaft. Direktzahlungen bekomme ich dafür keine. Dafür gibt es auch keine bürokratischen Hürden, es einfach auszuprobieren.
Juni 2022
Diesen Frühling durfte ich als Fachexperte an den Grünlandkursen in Bern und Graubünden einen Input über Komposttee und Bodenmikrobiologie geben. Regenerativ Schweiz ist eine neue Bildungsplattform, die sehr praxisnah Methoden zum Humusaufbau bereitstellt: Theorie online, danach Praxistage auf Bauernhöfen mit Austausch unter den Landwirten.
Humusaufbau ist komplex, oft auch für die Wissenschaft. Tausende unbekannter Mikroorganismen beeinflussen gemeinsam Bodenchemie, Bodenphysik und Pflanzenwachstum. Was die regenerative Landwirtschaft in der Schweiz voranbringt, ist der ehrliche Erfahrungsaustausch unter motivierten Landwirten.
Seit diesem Jahr besuchen mich auch die Teilnehmer des Permakultur-Design-Kurses von Beat Rölli. Diese Tage sind für mich selber lehrreich: Bei der Spatenprobe auf verschiedenen Feldern lerne ich viel über meinen eigenen Boden. Im Alltag kommt das viel zu oft zu kurz.
Wie bei der regenerativen Landwirtschaft findet auch in der Permakultur die Lebensmittelproduktion und die Biodiversitätsförderung auf derselben Fläche statt.
Juli 2022
Am 30. Juli wurde auf dem Halterhus getanzt. Ada, Monica, Kilian und ich haben eingeladen, im kleinen Rahmen, mit elektronischer Musik und einer Feuershow.
Die Idee war, den familiären Vibe der alten Wald-Goas zurückzubringen: ein Fest ohne viel Firlefanz, bei dem alle mitwirken dürfen — mit Musik, Dekoration, Essen oder einfach mit Anpacken.
September 2022
Die Knirps-Kürbisse sind dieses Jahr grösser ausgefallen. Das sonnige, trockene Wetter hat ihnen gefallen, und entsprechend gibt es viel mehr, als wir selber brauchen.
Süssmais habe ich für einen Komposttee-Versuch ausgesät. Auch davon ist einiges übrig.
Und in der Haselnussplantage schauen langsam alle Pflanzen aus ihrem Schutz heraus.
September 2022
Humus ist das Gold aller Landwirte und Gärtner. Er puffert Wasser und Nährstoffe wie nichts anderes im Boden.
Gebaut wird er von einer Vielzahl von Mikroorganismen. Auf dem Bild durchquert eine Pilzhyphe das Bildfeld. Links und rechts davon liegen die Ton-Humus-Komplexe, die wie braune Wolken aussehen. Rechts in der Mitte eine Testat-Amöbe, der ovale Einzeller mit Mund. Alle weissen runden Punkte sind Bakterien.
Auf vielen Äckern findet man nur noch Bakterien, und Humus nur noch in kleinen Stücken. Ein mit vielen verschiedenen Mikroorganismen belebter Kompost, exakt extrahiert und vermehrt, gibt dem Boden das Leben zurück, das er verloren hat.
Oktober 2022
Am 29. Oktober, dem vierten nationalen Heckentag, haben wir auf dem Halterhus mitgemacht: eine Heckenaufwertung, und die Haselnuss-Agroforst wurde fertiggestellt.
Der grösste Teil der Haselnussbäume stand schon seit Herbst 2020. Rund hundert Stück kamen jetzt dazu.
Haselnüsse aus der Schweiz gibt es kaum. Die Kultur bekommt keine Fördergelder und ist nicht durch Importzölle geschützt, anders als Fleisch, Äpfel oder Zucker. Nüsse gelten als Alternative zum hohen Fleischkonsum — unter welchen Verhältnissen sie oft produziert werden, wird dabei gerne verschwiegen.
November 2022
Das brachte sogar den Zöllner zum Schmunzeln, der von seinem hohen Fenster weit zu mir herunterschauen musste. Die Verzollungsunterlagen waren korrekt vorbereitet, und die Fahrt aus Deutschland mit einem Wald im Auto ging zügig voran.
Damit konnte der letzte Teil meiner Haselnussbäume gepflanzt werden. Jetzt hoffe ich, dass die Symbiose auch auf meinem Boden funktioniert und ich künftig Burgunder- und Frühlingstrüffel finde. Das braucht noch rund fünf Jahre Geduld.
Vielen Dank an Silke Friedrich von der Trüffelbaumschule für die vielen Tipps und die Einblicke in die Baumschule.
November 2022
Der lange warme Herbst liess das Gras bis in den November wachsen. Der letzte Weidegang war dieses Jahr einen Monat später als 2021.
Der Brotweizen wurde am 6. Oktober gesät und hat sich prächtig entwickelt. Am selben Tag kam auch der Winterhafer in den Boden.
Neu arbeite ich mit der Fleischmanufaktur Burgrain zusammen für die Verarbeitung der Mutterkühe, die uns altersbedingt verlassen müssen. Das Fleisch alter Mutterkühe wird oft unterschätzt. Anders als abgemagerte Milchkühe haben sie viel Fett im Fleisch, und das macht es auch im Alter zart und saftig. In Frankreich gilt das Filet oder Entrecôte einer über zehnjährigen Aubrac-Mutterkuh als Spezialität. Zu Recht.