2023 kamen zwei neue Kulturen auf den Hof — Hirse und schwarze Bohnen — und beide lieferten im ersten Jahr mehr, als ich erwartet hatte.
Dazwischen: Fotos vom Halterhus aus dem Jahr 1951, die über Umwege zu mir fanden, und eine Hochzeit in Polen.
Februar 2023
Die vermutlich ältesten Bilder vom Halterhus haben mich über Umwege erreicht. 1951 arbeitete Gerhard aus Deutschland einen Sommer lang hier und machte diese Fotos. Beim Räumen des Dachstocks fand seine Tochter das Album, suchte bei Google nach «Halterhus», fand meine Webseite und schickte mir die Bilder.
Auf der Treppe des alten Wohnhauses, gebaut 1742, steht meine Grossmutter mit meiner Tante im Arm.
Die Ansicht aus der Ferne zeigt die vielen grossen Obstbäume und ein Haferfeld. Hafer war damals selbstverständlich; später ist die extensive Kultur fast verschwunden. Erst seit ein paar Jahren wächst die Fläche wieder, wegen der Hafermilch — bei mir dieses Jahr 2.5 Hektaren.
Im Vordergrund sind Blumen im Grasfeld zu erkennen. Magere Wiesen, und trotzdem landwirtschaftlich genutzt.
Februar 2023
Ich kann mich als Kind noch an die vielen grossen Birnbäume auf diesem Feld erinnern, es waren aber schon weniger. Die letzte grosse Fällung kam wegen Feuerbrand, einer bakteriellen Krankheit: Die Bäume mussten per Gesetz verbrannt werden. Heute stehen noch zwei Birnbäume.
Der Preis für Mostobstbirnen ging über die Jahre zurück, und der Mostbedarf auf dem Hof ebenso. Mit der Mechanisierung fehlen die Arbeitskräfte, die früher viel Most tranken.
Biodiversitätsverlust war damals kein Thema. Kleine Strukturen und extensive Nutzung mit vielen Hochstammbäumen boten Lebensraum für viele Arten, ganz nebenbei. Diese Idylle ging mit den sinkenden Lebensmittelpreisen verloren. Und der Konsum hat sich verändert: Wir trinken lieber Orangensaft als Most, und wer macht noch selber Birnenweggen?
Speisebirnen und Äpfel kommen heute aus Niederstammanlagen, wegen der Qualitätsansprüche mit Netzen abgedeckt. Für die Biodiversität bringt das nichts.
Hochstammbäume rentieren nur über die Direktzahlungen. Mit den Ernteprodukten ist die Arbeit nicht gedeckt. Ich mache es aus Freude an den Bäumen, weil sie in eine schöne Kulturlandschaft gehören. Als Produkt entstehen daraus verschiedene Schnäpse.
Mai 2023
Auf 1.5 Hektaren habe ich Hirse gesät. Sie war lange unterschätzt und zwischenzeitlich ganz von den einheimischen Feldern verschwunden. Weil sie mit Hitze und Trockenheit gut zurechtkommt, ist sie im Klimawandel wieder wertvoll.
Die einheimische Rispenhirse wird in der Schale als Braunhirse geerntet. Unter dem Spelz steckt ein goldgelbes Korn, darum heisst das geschälte Korn Goldhirse. Sie ist glutenfrei, leicht bekömmlich und bringt Spurenelemente wie Silizium mit.
Die zweite Kultur ist die Buschbohne, bei uns als Indianerbohne bekannt, Sortenname Black Turtle. Hier werden die trockenen Bohnen gedroschen und ohne Hülse gegessen. Feinwürzig im Geschmack, leicht herb, gut in Suppen und Eintöpfen, und reich an Mineralien und Proteinen.
Bohnen gehören zu den ältesten Kulturpflanzen. Die Black Turtle findet sich seit 7000 Jahren in Gerichten Nord-, Süd- und Mittelamerikas.
Mai 2023
Ab 2024 müssen Betriebe mit Ackerbau auf 3.5 Prozent der Ackerfläche Biodiversitätsmassnahmen umsetzen. Damit das gelingt, habe ich schon dieses Jahr damit angefangen.
Auf drei schmalen Streifen von drei bis sechs Metern Breite entstehen zwei Säume auf Ackerflächen und ein mehrjähriger Nützlingsstreifen. Das Saatgut wird von floris.bienen.ch übernommen.
August 2023
Die Black Turtle haben sich beeindruckend entwickelt. Der Juli brachte mit 130 Millimetern eine normale Regenmenge, und zwar genau während der Blüte. Das war die Rettung. Der Juni dagegen war mit 23 Millimetern viel zu trocken.
Faszinierend war, wie die zarten Sämlinge Wasser aus tieferen Bodenschichten holten. Die Trockenheit hatte sogar einen Vorteil: Es keimte kaum Beikraut. Mit einem Striegeldurchgang im Zweiblatt- bis Dreiblattstadium und einem Hackdurchgang blieb das Feld sauber. Dazu zweimal Komposttee zur Stärkung.
Die Hirse kommt mit wenig Wasser aus, der trockene Juni hat ihr kaum etwas ausgemacht. Auch hier wenig Beikraut, deshalb kein Striegeln nötig. Etwas Rindergülle und zwei Runden Komposttee, mehr brauchte es nicht.
Die Ernte steht in den nächsten Tagen an. Das Erntegut muss sofort zur Mühle, damit es dort zusätzlich getrocknet wird: Die Hirse reift nicht gleichzeitig an der ganzen Rispe.
August 2023
Mir ist wichtig, meine Tiere auf dem Weg zum Schlachthof zu begleiten. Für den Transport nehme ich den alten Traktor und einen einfachen Holz-Tiertransportanhänger.
Das geht, weil wir in Ruswil einen kleinen, familiär geführten Schlachthof haben, die Landmetzg Rottal. Die Fahrt dauert zehn Minuten.
Die Abläufe sind so geplant, dass ich mit den Rindern hinfahren und ohne Wartezeit entladen kann. Nach dem Entladen folgt sofort die Betäubung mit dem Bolzenschuss. Das hält den Stress für die Tiere klein.
Wegen dieser kurzen Wege und der im Vergleich zu grossen Schlachthöfen geringeren Belastung halte ich an diesem Ablauf fest.
September 2023
Am 30. September 2023 haben Ada und ich geheiratet. Vor vier Jahren hat Ada den Weg von Polen zu mir auf den Hof gefunden, seither machen wir das Leben hier gemeinsam.
Gefeiert haben wir in Polen, zwei Tage lang. Unsere Kühe haben den Tag verpasst, waren aber als Stofftiere trotzdem dabei.
Eines der Geschenke trägt jetzt unsere hübscheste Kuh: eine Schelle für Ellaria.
September 2023
Am 20. September war es so weit: Die meisten Bohnen waren reif und liessen sich problemlos aus den Schoten lösen. Das Wetter blieb warm und sonnig, ideale Bedingungen zum Dreschen.
Auch für Markus Bucher von der Bucher Erntetechnik AG war es das erste Mal, dass er Bohnen drosch. Keiner von uns wusste genau, was herauskommt. Aber kaum ein Drescherfahrer kennt seine Maschine so gut: Er stellte sie ein, und der Bunker füllte sich mit den schwarzen Bohnen.
Black Turtle sind empfindlich und brechen leicht, erkennbar an den weissen Hälften. Die gebrochenen gehen in die Verarbeitung, die ganzen an die Endkonsumenten.
Weil die Schoten unterschiedlich reif waren, war die Feuchtigkeit für die Lagerung zu hoch. Bohnenanbau ist in der Schweiz eine absolute Nischenkultur, und Transport und Umfüllen müssen schonend sein. Also trockneten wir die Bohnen auf dem Hof. Neben dem Heustock gibt es eine Kammer aus der Zeit meines Grossvaters, in der früher Dinkel getrocknet wurde. Sie reichte für die gut zwei Tonnen von den 0.7 Hektaren.
Danach kamen die Bohnen in Big Bags, zur Mühle für eine CO2-Druckbehandlung gegen Schädlinge, und zum Reinigen und Polieren.
Mit Ernte und Kulturverlauf bin ich sehr zufrieden. Wenn der Absatz über die Biofarm Genossenschaft läuft, baue ich nächstes Jahr wieder Bohnen an.
November 2023
Die Hirse ist ein Nahrungsmittel, das viel zu selten auf den Teller kommt. Im Anbau hat sie klare Vorzüge: widerstandsfähig gegen Krankheiten, anpassungsfähig bei Trockenheit, und mit rund hundert Tagen Anbauzeit sehr flexibel.
Dieses Jahr waren die Bedingungen besonders günstig. Auf meinem Feld stand sie 90 Tage und brachte 5.4 Tonnen pro Hektare. Der Kipper war randvoll mit goldenen Körnern. Dazu kamen zehn Siloballen für die Kühe.
Der heisse, trockene Sommer brachte der ganzen Schweiz Rekorderträge. Erfreulich — nur übersteigt die Menge den Inlandverbrauch deutlich. Die Anbaufläche für 2024 wird darum stark reduziert.
Ertragsschwankungen interessieren die Grosshändler nicht. Aktionen und Werbung planen Marketingleute im Voraus, unabhängig davon, was tatsächlich da ist.